Shutter Island – Scorsese drückt die richtigen Knöpfe
Eine ausgewachsene Seekrankheit auf dem Weg zum Ort des Geschehens ist noch das geringste Problem, mit dem sich Marschall Teddy Daniels (Leonardo Di Caprio) bei seinem Besuch auf der gruseligen Insel Shutter Island herumschlagen muss. In der Nervenheilanstalt Ashecliffe hat sich eine geistesgestörte Mörderin buchstäblich in Luft aufgelöst, und Teddy und sein neuer Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) sollen für Aufklärung sorgen. Doch die Ermittlungen verlaufen komplizierter, als geahnt. Denn Ärzte, Pflegepersonal und Anstaltsleitung scheinen es mit der Wahrheit nicht sehr genau zu nehmen. Und dann zieht auch noch ein gewaltiges Unwetter auf, das die beiden US-Marschalls zu einem verlängerten Aufenthalt auf der Insel zwingt...

'Never change a winning team' wird sich Regisseur Martin Scorsese gedacht haben, als er für „Shutter Island“ bereits zum vierten Mal Leonardo Di Caprio als Hauptdarsteller besetzte. Sollte der aus den Schuhen des schmalzigen "Titanic"-Jünglings längst entwachsene Mime über einen "So-schauspielert-man-richtig-Knopf" verfügen, hat Scorsese diesen definitiv gefunden und betätigt. 2 ¼ Stunden lang macht es ohne den geringsten Anflug von Langeweile einfach unglaublichen Spaß, das zerknautschte Gesicht des aus unerfindlichen Gründen oft als "Beau" bezeichneten Hollywood-Stars zu betrachten, ihm dabei zuzusehen, wie die mysteriösen Ereignisse auf Shutter Island seine Figur Teddy Daniels an die Grenzen seines Verstandes treiben und die eigenen traumatischen Ereignisse aus der Vergangenheit schmerzlich auferstehen lassen. Dagegen wirkt selbst ein Ben Kingsley (solide als Chef-Psychiater der Klinik) ungewohnt blass. Mark Ruffalo ergänzt in seiner Rolle als argloser Neulings-Marschall Chuck Aule die zunehmend stärker werdende innere Zerrissenheit seines Bosses Teddy perfekt – sein wie eingefräst wirkender spöttisch-naiver Gesichtsausdruck steht in einem herrlichen Wechselverhältnis zur durchgehend angestrengt zerfurchten Stirn Di Caprios.
Dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht in diesem Gespann, in dieser ganzen Szenerie, wird dem Zuschauer freilich schnell klar, und Scorsese unterstreicht diese offenkundigen Unstimmigkeiten mit ebenso einfachen wie genialen Hilfsmitteln: Der Film spielt nicht nur im Jahr 1954, er wirkt streckenweise auch so, als sei er bereits damals gedreht worden. Vermischt mit den modernen digitalen Trick-Techniken, die die heutige Kinowelt zu bieten hat, darf der Zuschauer sozusagen einen Alfred-Hitchcock-Gedächtnis-Krimi en deluxe erleben. Mag die Handlung auch nicht unvorhersehbar sein, so schaffen Darsteller, Regisseur und Drehbuch (die Bestseller-Romanvorlage lieferte Dennis Lehanees) es dennoch, den Spannungsbogen bis zur letzten Minute konstant aufrecht zu erhalten.
Und während man noch nachdenklich die Abspannschrift auf der Leinwand betrachtet, wünscht man sich eigentlich nur noch eins: Den Film gleich nochmal anzuschauen.
"Shutter Island" von Regisseur Martin Scorsese seit dem 25.02.2010 im Verleih der Concorde Film GmbH im Kino.



