RISEN Megatest!
Nun steuert der deutsche Entwickler Piranha Bytes unter der neuen Flagge von Deep Silver mit Risen sowohl PC als auch Konsolengewässer an und geht damit leider gehörig baden. Unser Test verrät die Hintergründe des Schiffsbruchs.
Zukunft braucht Herkunft
Es war schon ein Trauerspiel, als das langersehnte Gothic 3 im Jahre 2006 endlich in die Läden kam und von so vielen Bugs übersät war, dass nicht einmal die Starship Troopers ihnen hätten Herr werden können. Gegenseitige Schuldzuweisungen von Publisher JoWood und Entwickler Piranha Bytes konnten die Enttäuschung der Fans auch nicht lindern. Hierzulande kennt wohl jeder Videospieler die Konsequenzen aus der Geschichte: Beide Parteien haben sich im Streit getrennt und der Name einer großen Rollenspielreihe wäre um ein Haar niedergegangen. Mit Deep Silver, einem Label von Koch Media, fand Piranha Bytes einen neuen Publisher für den in Rekordzeit von knapp zwei Jahren ein neuer Titel geschaffen wurde: Risen soll der Grundstein einer neuen Rollspielreihe werden.
Die Welt von Risen steckt im Umbruch, den nach dem sich die gesamten Götter des Fantasyplaneten aus dem Staub gemacht haben, sprießen überall auf der Welt geheimnisvolle Tempel aus dem Boden, aus denen munter Monster und Bestien gerannt kommen und die Welt überfluten. Der Anstieg der Monsterpopulation sorgt nicht nur für fallende Immobilienpreise im direkten Umfeld dieser Tempel, sondern führt auch zu kleineren Völkerwanderungen, bei denen die Einwohner auf friedliche Inseln oder Landstriche ausweichen wollen. Bevorzugtes Reisemittel sind dabei Schiffe. In Risen strandet ein namenloser Held nach einem Schiffsunglück auf einer ihm fremden Insel. Das Eiland stellt die komplette Spielwelt dar und ist in verschiedene Zonen aufgeteilt: So gibt es neben einem obligatorischen Sumpfgebiet auch schicke Palmen in der Hafenstadt, die dezent an Festungsstädte auf den karibischen Inseln erinnert, oder dschungelartige Vegetation und ein gewaltiger Vulkan wirft seinen Schatten auf das Land. Auch die ansässige und meist feindliche Fauna erhält einen leicht tropischen Touch und zeigt sich vielgestaltig: Stachelratten, Wildschweine, Wölfe, Riesenskorpione, Donnerechsen und die gorillaartigen Schattenbestien fordern euren Waffenarm. Die meisten Exemplare scheinen, genau wie ca. 95% des restlichen Gameplays direkt aus dem Gothic-Universum entsprungen zu sein, einem Umstand, dem wir eine Extra-Box am Ende des Tests gewidmet haben.
Nicht nur im Bundestag: Fraktionen!
Die Insel wird von drei Fraktionen beherrscht, denen sich der
Spieler im Laufe der Zeit anschliessen muss. Da wären allen voran die
Inquisition, welche ihren Stützpunkt in einer Vulkanfestung hat und
über die Insel herrscht. Sie ist es auch, die eine Ausgangssperre
verhangen hat und darauf achtet, dass niemand die Insel verlässt. Dann
gibt es die Magier, die in der Hafenstadt hausen und sich mit der
gnadenlosen Inquisition arrangiert haben, aber ihre eigenen Pläne
verfolgen. Die Räuber aus dem Banditenlager stellen schließlich die
Freiheitskämpfer in der Welt von Risen dar, die sich gegen das Joch der
Herrscher auflehnen. Alle Fraktionen haben reichhaltige Aufträge für
den Namenlosen, die sich oft auf verschiedenen Wegen lösen lassen und
somit auch zu unterschiedlichen Belohnungen führen können. Um einer
Fraktion beizutreten, müssen für diese bestimmte Aufgaben erfüllt
werden. Die Entscheidung lässt sich aber auch später noch rückgängig
machen, wenn ihr Missionen für eine andere Partei erledigt und somit
wieder in deren Ansehen aufsteigt. Eine Mitgliedschaft hat exklusive
Vorteile: So können zum Beispiel nur Anhänger der Magier-Gilde die drei
Angriffszauber Marke Feuer, Eis und Magie (!) erlernen. Außerdem sind
nur sie in der Lage Runen zu erschaffen, mit denen sich Zauber beliebig
oft wiederholen lassen, während alle anderen auf Spruchrollen
angewiesen sind, welche sie entweder als Lohn oder durch Plünderung
erhalten oder sie mit den richtigen Zutaten und dem nötigen Talent
selbst herstellen, die aber nach einmaliger Benutzung das Zeitliche
segnen.
Neue Talente dürft ihr euch bei den jeweiligen Lehrern
aneignen. Dort könnt ihr auch eure Charakterwerte verbessern. Beides
kostet Gold und Lernpunkte. Letztere erhaltet ihr beim Levelaufstieg.
Die Palette der möglichen Fähigkeiten ist wieder vielseitig und
nützlich, dürfte Veteranen aber teils auch sehr vertraut sein. So
lassen sich mit dem Schürftalent überall zu findende Erzadern abbauen.
Aus dem gewonnenen Rohstoff fertigt ihr per Schmiedekunst Waffen und
diesmal auch Rüstungen, Helme und – durch Hinzufügen bestimmter
Edelsteine – magische Accessoires herstellen, mit denen ihr individuell
eure Widerstandskraft, etwa gegen Stichwaffen oder Feuerzauber
verbessert. Mit Alchemiekenntnissen braut ihr leckere Tränke. Ausweiden
erlaubt es euch erlegten Tieren Felle, Knochen, Krallen und dergleichen
abzunehmen, die sich prima beim nächstbesten Händler verhökern lassen.
Per Diebeskunst und Dietrich lassen sich Schatzkisten öffnen, für die
ihr den Schlüssel natürlich gerade verloren habt. Dazu gilt es ein
Minispiel zu absolvieren, bei dem die Richtungstasten in der richtigen
Reihenfolge gedrückt werden wollen. Versagt ihr, geht ein Dietrich
flöten. Alternativ lassen sich Passanten aber auch direkt um ihren
Besitz erleichtern, wenn es euch gelingt sie dafür abzulenken. Die
Standorte der Meister und Händler werden im Logbuch verzeichnet,
welches ebenfalls alle relevanten Dialoge und Missionsziele auflistet.
Sehr komfortabel: Es gibt für für die meisten Gebiete eine lokale
Übersichtskarte, auf denen auch immer die Questgeber vermerkt sind.
Eine begrüssenswerte Neuerung im Gothic, äh, Risen-Universum.
Um in dieser feindseligen Umgebung zu überleben, ist der
versierte Umgang mit mittelalterlichem Kriegswerkzeug unerlässlich. Das
Kampfsystem ist dabei – wie sollte es auch anders sein – auch von
Gothic übernommen, wird aber verfeinert. Mit der Kombination aus Maus-
und Richtungstasten, bzw. Analogstick und A, B und Y-Tasten auf dem
Xbox 360 Controller teilt ihr verschiedenartige Schläge aus, blockt mit
dem Schild oder der Waffe, könnt gegnerische Attacken aushebeln und
später lange Kombos und Spezialangriffe vom Stapel lassen. Aber auch
diese Techniken wollen erst mal beim jeweiligen Meister erlernt werden.
Selbst wenn sie erlernt sind, kommt es natürlich noch auf das richtige
Timing an. Allerdings zeigt sich auch hier eine typische Schwäche der
Spielreihe: Das Balacing. Während man Kämpfe gegen menschliche Gegner
notfalls auch nackt mit einem Ast bewaffnet gewinnt, können einen zwei
Wölfe schnell in Bedrängnis bringen. Das liegt vor allem auch daran,
das man immer nur einen Gegner blocken kann. Hier springt eine Art Lock
On Feature ein, dass aber nur effektiv die Angriffe einer Person, bzw
Tieres abblockt. Die ersten 5-10 Spielstunden ist man daher meistens
auf der Flucht vor Tieransammlungen und versucht sein Glück bei den
zahlreichen Missionen in den menschlichen Siedlungen. Erst wenn man die
entsprechenden Rüstungen und Waffen verdient hat, kann man sich auch zu
längeren Ausflügen in die Wildnis und in die zahlreichen Tempelanlagen
machen.
Eine große Spielwelt ohne Ladepausen, das klingt zweifellos
verführerisch. Zumal es nicht wenige Gothic-Spieler geben wird, die
davon geträumt haben, die rauen Fantasy-Szenarien der Piranhas auch
einmal bequem im Wohnzimmer zu erforschen. Was sich nach dem Intro, das
bereits den Geist der frühen 2000er Jahre versprüht, dann allerdings
auf dem heimischen Flachbildschirm präsentiert, raubt einem den Atem:
Als erstes erkennt man so gut wie garnichts, was nicht nur daran liegt,
dass das Spiel bei Nacht und Gewitter beginnt, sondern daran, dass der
Kontrast viel zu schwach eingestellt. Leider bietet das Spiel nicht an,
den Gamma-Wert zu verstellen. Hier hilft nur Nachjustieren am
Fernseher, um in den dunklen Höhlen nicht völlig orientierungslos
herumzuirren. Die Fernsicht ist eher als Nahsicht zu bezeichnen, da
alles, was mehr als 10 Meter entfernt von der Spielfigur ist entweder
per Unschärfe „vermatscht“ wird, bei Bäumen einfach aufploppt oder im
Fall von Bergen einfach deutlich sichtbar im Hintergrund aus dem Nichts
aufgebaut wird. Zwischen einem Fable 2 oder Far Cry 2 auf der Xbox 360
und Risen liegen gefühlte fünf Jahre technischer Fortschritt. Da fällt
es schon fast gar nicht mehr auf, das auf den anderen Gebieten spürbar
auf Sparflamme gekocht wird. Steine und Wände werden meistens mit
riesigen, matschigen und gering aufgelösten Simpeltexturen zugeklatscht
und bei den Spielfiguren scheint es nur eine Handvoll verschiedener
Modelle zu geben. Meist trefft ihr auf die selben Klone des bärtigen
Piratenmodells, das überall auf der Insel rumläuft. Bei den Damen
scheint es auch nur zwei Varianten zu geben. Zugute halte muss man
allerdings, dass die Framerate recht konstant ist, und das es keinerlei
sichtbares Tearing gibt. Immerhin etwas. Die Sprachausgabe kann
hingegen wie in den alten Gothic-Teilen als gelungen bezeichnet werden,
auch wenn schnell auffällt, dass sich da vermutlich knapp 10 Sprecher
die knapp 70-100 verschiedenen NPCs unter sich aufteilen. Da die
PC-Version allerdings auf aktuellen PCs deutlich besser aussieht als
die Xbox 360 Variante werten wir die Konsolenfassung um einen Punkt ab.
Der reine Spielspaß ist allerdings auf beiden Systemen identisch.Risen vs. Gothic: Deja-vus am laufenden Band
Bei Filmen sind sie als Remake oder Hommage bekannt: Neuauflagen bekannter Filmvorlagen. Mit Risen zeigt Piranha Bytes eindrucksvoll, dass sie entweder selbst die größten Gothic-Fans der Welt sind oder schlichtweg an akuten Ideen- und Innovationsmangel leiden. In seiner Vorschau schrieb Kollege Johannes Krohn noch „Wozu etwas reparieren das nicht kaputt ist?“, aber ganz so stark von Gothic geklont hätten wir uns Risen dann doch nicht gewünscht:
Story: Der Namenlose landet auf einer Insel statt in einem riesigen Freiluftgefängnis. Ansonsten findet er wieder die selben verschiedenen Fraktionen vor, nur das die Paladine nun Inquisitoren heißen und die Wassermagier jetzt zu Universalmagiern befördert wurden. Statt Drachenjägern findet man in den Banditen nun die gesetzlose und profitorientierte Diebes-Fraktion. Der Questverlauf ist wie gewohnt. Um in einer Gruppe aufgenommen zu werden, müssen verschiedene Aufgaben gelöst werden, die dann den Zutritt zu den bestimmten Anführern ermöglichen. Die Quests sind dabei fast immer Variationen bekannter Aufgaben aus Gothic 1-3. Ob es um das Sammeln von Informationen, bespitzeln von Arbeitern und das schlichte Finden von Schätzen und Diebesgut geht, Veteranen werden niemals überrascht sein.
Gameplay: Die Steuerung, die Verteilung von Erfahrungspunkten, die verschiedenen Talente (Diebstahl, Alchemie, Akrobatik), all dies wurde 1:1 von Gothic übernommen. Das Kampfsystem wurde um die Fähigkeit des Blockens erweitert und mit einigen neuen Attacken aufgewertet. Die Animationen des Helden, besonders beim Laufen und Springen wirkt allerdings ebenfalls wie frisch aus dem Jahr 2002 und dürfte bei Konsoleros, die Assassin`s Creed gewohnt sind, für Lachanfälle sorgen.
Flora: Fast alle aus Gothic bekannten Pflanzen sind auch in Risen zu finden. Neben den bekannten Heilpflanzen, Kräutern und Wurzlen sind auch wieder Beeren und Pilze zu pflücken. Auch die Statusverbessernden Blümchen sind wieder mit dabei, wobei natürlich alle anders heißen, aber fast genauso aussehen. Was früher Drachenwurzel oder Ogerblatt hieß, hat nun einen anderen Namen aber den selben Effekt (z.B. Sträke +1). Was früher Sinn machte, wirkt nun manchmal unfreiwillig komisch: So wird in Sümpfen weiterhin Kraut angebaut, aus dem nun aber statt naheliegender Rauchware plötzlich Bier gebraut wird.
Fauna: Fast alle aus Gothic bekannten Tiere sind auch in Risen zu finden, nur das ihr Aussehen etwas verändert wurde und sie in den exotischen Fällen auch neue Namen bekommen haben. Schweine (Keiler) und Wölfe blieben nahezu unverändert, Blutfliegen sind jetzt Grabmotten, Sumpfhaie sind nun Würmer und Minecrawler haben Insekten-Flügel.
All dieses Vertrautheit mag uns Gothic-Fans ein wohliges Gefühl der Vertrautheit vermitteln, allerdings gab es schon Gothic Fan-Modificationen, die mehr Mut zur Eigenständigkeit, als die Inhouse-Kopie von Piranha Bytes. Es war vermutlich eine Mischung aus engen Zeitplan, einem kleinen Team und Risikominimierung, die Piranha dazu bewegte, ein Gothic-Remake mit neuem Namen aufzusetzen.
Pro:
+ Bietet alle Gothic Stärken (Atmosphäre, Dialoge)+ Motivierender Aufstieg vom Niemand zum Helden+ Nahezu Bugfrei und StabilContra: - Bietet alle Gothic Schwächen (Balancing)- Xbox 360 Version technisch hoffnungslos veraltet- Spürbarer Mangel an Production Value: Maximal eine Handvoll CharaktermodelleGothic Greatest Hits mit der Technik von 2002Auch wenn es mir als Gothic-Fan in der Seele weh tut: Risen ist ein kreativer und technischer Offenbarungseid der Jungs von Piranha Bytes. Gothic-Fans wie mir wird das Spiel wieder Spaß machen, aber wir haben ja auch alle Gothic 2 mindestens drei Mal durchgespielt. Und vermutlich würde ich auch einen direkten Port von Gothic 1 auf der Xbox 360 spielen und meinen Spaß haben. Damit ist die Zielgruppe von Risen allerdings auch klar umrissen: Nur, wer bereits die Gothic-Teile mit Vergnügen durchgespielt hat, wird auch dem Neuaufguss Risen sein altmodisches Gameplay und technische Staubschicht verzeihen. Allerdings sei hier stark die PC-Version empfohlen, die deutlich besser die technischen Unzulänglichkeiten kaschieren kann. Erfreulich, aber eigentlich selbstverständlich: Das Spiel läuft sowohl auf PC als auch Xbox 360 Absturz- und nahezu bugfrei. Es sieht halt leider nur auf der 360 aus wie eine grafische Testversion aus dem Jahre 2004. Auch wenn wir in letzter Zeit leider sehr oft am mangelnden Production Value einiger deutschen Produktionen herummäkeln, so wirkt Risen in Zeiten von Fable 2, Mass Effect und demnächst Dragon Age bereits am Tag des Release wie ein Gruß aus der Vergangenheit. Den Piranhas bleibt daher zu wünschen, dass sie für ihr nächstes Projekt mit ausreichend Zeit, technischen Know-How und frischen Ideen ausgestattet werden, da sie ansonsten wohl endgültig den Anschluss an den globalen Spielemarkt verlieren werden. Denn auch die Gothic-Substanz verliert ähnlich wie Krautbier mit jedem neuen Aufguss spürbar an Geschmack.Risen xbox360 6/10Risen pc 7/10
Quelle: Alexander Laschewski-Voigt / areagames.de

